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ChatGPT: Ein Thema zwischen Hype und Weltuntergang


Es vergeht mittlerweile kein Tag mehr ohne News zu Künstliche Intelligenz: Mal bekommt ChatGPT neue Funktionen, mal befürchten Wirtschaftsweise das baldige Ende einzelner Berufsgruppen, und im Hintergrund bastelt die EU weiterhin am schärfsten KI-Gesetz, das die Welt je gesehen haben wird.


Während das Thema bei manchen für Weltuntergangsstimmung sorgt, wittern andere das große Geld. Zeit für eine Aufklärung: Barbara Oberrauter-Zabransky ist KI-Trainerin und Gründerin der KI-Academy in Wien. Sie erlebt die Sorgen, Hoffnungen und Wünsche der Menschen beim Thema KI täglich live und in Farbe.


Im Gespräch erzählt sie, was dran ist am aktuellen KI-Hype, warum das Thema mehr ist als nur ein PR-Gag - und für wen sich der Einsatz von ChatGPT und Co. wirklich lohnt.


ChatGPT, Midjourney, Antropic und Co.: Warum ist das Thema KI plötzlich in aller Munde?

Barbara Oberrauter-Zabransky: Der aktuelle Hype um Künstliche Intelligenz (KI) hat vor gut einem Jahr begonnen: Im November 2022 präsentierte das Unternehmen OpenAI mit ChatGPT eine KI, die erstmals auch für Otto Normalverbraucher einfach zugänglich war. Zuvor gab es zwar auch schon KI-Systeme und Algorithmen, doch ChatGPT war mit seiner benutzerfreundlichen Oberfläche ein Gamechanger, der die Technologie massentauglich machte.


Seitdem ist KI in aller Munde: Nicht nur Experten, sondern wirklich jeder kann jetzt mit KI-Systemen interagieren. Dieser niedrigschwellige Zugang hat einen regelrechten KI-Boom ausgelöst: Plötzlich reden alle über die Möglichkeiten und Risiken dieser Technologie, KI ist 2023 das Gesprächsthema schlechthin.


Allerdings darf man nicht jede Schlagzeile zwischen Hype und Weltuntergang für bare Münze nehmen: Weder ist KI schon ausgereift, noch steht die baldige Auslöschung des Menschen bevor. Ich empfehle all denjenigen, die von dem Thema verständlicherweise schon bis zu einem gewissen Grad genervt sind, nicht alles zu glauben, was publiziert und veröffentlicht wird – und sich hauptsächlich darauf zu verlassen, dass nichts so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird. Auch nicht beim Thema KI.


Ist KI nicht einfach nur ein PR-Gag für Manager und Chefs, die sich wichtigmachen wollen?

Fest steht: KI ist mehr als ein PR-Gag. Natürlich wird der aktuelle KI-Hype auch gerne für Marketingzwecke missbraucht: Viele IT-Firmen wittern das große Geschäft und preisen KI als Allheilmittel an. Manch ein Manager hofft, mit KI-Projekten zu punkten. Oft steckt nicht viel dahinter, viele lassen sich aber im Moment noch davon blenden, weil die Erfahrung im Umgang mit Künstlicher Intelligenz fehlt.


Doch das ist nur die eine Seite: Auf der anderen Seite gibt es durchaus bereits KI-Anwendungen, die für Otto Normalverbraucher im Berufsalltag hilfreich sein können. Tools wie ChatGPT machen die Interaktion mit KI einfach und niedrigschwellig. Die Technologie hat echte Anwendungsmöglichkeiten und wird unseren Alltag Stück für Stück verändern.


Viele haben jetzt Angst, in der Arbeit von einer KI ersetzt zu werden – was ist da dran?

Die Angst vieler Arbeitnehmer, durch KI ersetzt zu werden, ist nicht ganz unbegründet. Besonders gefährdet sind aktuell externe Dienstleister: Studien zeigen, dass einzelne Unternehmen hier bereits einsparen.


Zwischen dem Einsatz von KI-Tools wie ChatGPT und dem Automatisieren gesamter Prozesse gibt es aber noch eine große Bandbreite menschlicher Tätigkeiten, die so schnell nicht abgedeckt werden können. Ein Beispiel: Wenn Sie ein Projekt auf die einzelnen Arbeitsschritte herunterbrechen, landen Sie je nach Projektgröße bei mindestens 20 bis 50 einzelnen „Handgriffen“, bis das Projekt wirklich erfolgreich abgeschlossen wird. Mit KI können Sie vielleicht ein Drittel oder sogar die Hälfte davon erledigen, für den Rest braucht es aber immer noch den Menschen: zur strategischen Planung, in der Vernetzung, der Kontrolle und der Nachbearbeitung.


Dennoch ist die Verunsicherung vieler Arbeitnehmer angesichts des KI-Einsatzes verständlich. Eine offene Kommunikation zwischen Unternehmen und Belegschaften wäre meiner Meinung nach hier wichtig, um Ängste abzubauen und die Chancen von KI zu nutzen, ohne Arbeitsplätze überflüssig zu machen.


Es gibt aber immer mehr Meldungen, dass Menschen entlassen wurden, weil Unternehmen stattdessen eine KI einsetzen.

Tatsächlich werden sich Arbeitsabläufe und einzelne Jobs verändern. Das passiert uns allerdings nicht zum ersten Mal: So gibt es heute zahlreiche Berufe nicht mehr, die früher gang und gäbe waren – denken Sie zum Beispiel an Fahrstuhlführer, Telefonistinnen oder auch Cowboys (lacht).



Umgekehrt entstehen aber auch ständig neue Berufe, die zuvor nicht existierten. Ich selbst bin das beste Beispiel dafür: Als KI-Trainerin arbeite ich aktuell in einem Beruf, den es vor drei Jahren so noch gar nicht gegeben hat. Umgekehrt war ich lange als Online-Journalistin tätig – ein Job, den es so in ein paar Jahren vielleicht gar nicht mehr gibt.


Was habe ich konkret davon, KI jetzt im Job einzusetzen?

Berufstätige verbringen mehr als 50 Prozent ihrer Arbeitszeit mit dem Verfassen und Verarbeiten von Informationen. Ein enormer Zeitfresser, der vielen den Spaß an der Arbeit nimmt. Hier kommt Künstliche Intelligenz ins Spiel: Tools wie ChatGPT können Texte und Inhalte in hoher Qualität und rasender Geschwindigkeit produzieren.



Erste Erhebungen deuten darauf hin, dass ChatGPT die Produktivität einzelner Arbeitnehmer bis zu 25 Prozent steigern kann - vor allem in Bereichen, in denen man sich ohnehin schon schwerer tut. Damit spart KI Ihnen unzählige Arbeitsstunden und gibt Raum für die wirklich wichtigen Aufgaben, die Ihnen Spaß machen. Mehr Freude an der Arbeit und am Leben - das ist der persönliche Mehrwert dieser faszinierenden Technologie.


Ich habe ChatGPT schon mal ausprobiert, muss aber sagen, dass mich die Resultate überhaupt nicht überzeugen.

Ich erlebe das oft in meinen Kursen: Menschen geben Standardanfragen in ChatGPT ein und erhalten vorhersehbare Antworten, die wenig überzeugen. Das liegt daran, dass das System auf Wahrscheinlichkeiten trainiert ist und dabei gängige Inhalte reproduziert.



Um das volle Potenzial des Modells auszureizen, müssen Sie es dazu bringen, über den Tellerrand hinauszudenken: Etwa, indem Sie ihm eine völlig neue Rolle vorgeben oder ihm direkt sagen, dass es innovative und unwahrscheinliche Ideen priorisieren soll. Sie können auch den Fokus Ihrer Anfrage nachschärfen und verlangen, dass das Modell in seinen Vorschlägen auf eine bestimmte Zielgruppe oder einen speziellen Medienkanal eingehen soll. Je präziser und kreativer die Eingabe, desto interessanter das Ergebnis.



Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür dafür, wie man ChatGPT optimal einsetzt. Probieren Sie ruhig verschiedene Herangehensweisen aus - Kreativität ist dabei der Schlüssel. Dann kann das System Ihnen viele spannende Impulse liefern.


Wird mit KI nicht einfach nur noch mehr schlechter Content produziert?

KI ist zunächst ein Werkzeug ohne Qualitätsfilter. Tatsächlich machen Tools wie ChatGPT und Midjourney es einem leicht, Inhalte zu produzieren: Blogartikel, Social Media-Beiträge, Illustrationen und mehr gibt es jetzt auf Knopfdruck, ohne dass man viel Vorwissen oder Erfahrung braucht.



Das gibt mehr Menschen mehr Möglichkeiten an die Hand – die natürlich auch zur Produktion von unsinnigen oder langweiligen Inhalten genutzt werden können. Aber: Nur weil mehr Content generiert wird, muss dieser nicht automatisch schlecht sein. Ob ein Text langweilig oder eine Idee gut ist, entscheidet nach wie vor der Mensch. Am Ende regulieren die User selbst die Qualität, indem sie guten Content mehr Aufmerksamkeit schenken.


Wie kann ich erkennen, ob ein Inhalt von einer KI geschaffen wurde?

In diesem Zusammenhang ist die Frage nach der Authentizität von Inhalten tatsächlich eine, die immer wieder gestellt wird. Für mich stellt sich hier eine ganz andere Frage: Warum ist es uns wichtig zu wissen, ob hinter einem Inhalt – sei es ein Bild oder ein Text – eine KI steckt?


Tatsächlich gibt es erste Studien zu dem Thema, die darauf hindeuten, dass Menschen von einer KI geschaffene Inhalte als „weniger wertvoll“ erachten, weil sich kein Mensch dafür Mühe gegeben hat. Der Aufwand, der hinter einer Sache steckt, ist demnach wichtiger als das Ergebnis, das mit KI möglicherweise sogar besser ist als wenn man es von Hand macht.


Meine Frage ist: Wird das so bleiben? Auch bei der Umstellung von der Schreibmaschine auf den PC gab es Vorbehalte, weil sich Projekte plötzlich viel einfacher umsetzen ließen als vorher. Nur weil weniger Arbeit hinter einer Sache steckt, heißt das für mich nicht, dass das Ergebnis weniger wert ist. Wichtigstes Kriterium für mich ist immer, ob sich ein Mensch Gedanken gemacht hat, wie das Ergebnis aussehen sollte. Wie er dann zu diesem Ergebnis kommt, ist für mich zweitrangig – und ich denke, dass uns das in ein paar Jahren auch tatsächlich allen egal sein wird.


Was heißt das für das Lernen in Schulen und Universitäten? Wie kann man dort erkennen, ob ein Text von einer KI stammt oder nicht?

Sämtliche KI-Erkennungstools, die es auf dem Markt gibt, sind fehleranfällig und daher für das Erkennen von künstlich geschaffenen Inhalten nicht wirklich brauchbar. Sogar im akademischen und schulischen Kontext, wo das eigenständige Erarbeiten von Inhalten als Lernfortschritt gewertet wird, gibt es keine Tools, das ein KI-Produkt zu 100 Prozent erkennen kann.


Das mussten sogar die Erfinder von ChatGPT einsehen – sie haben schon vor ein paar Monaten ihren KI-Detektor still und leise vom Markt genommen, weil er einfach nicht funktioniert hat. Für die Lehre und das Lernen bedeutet das, dass man sich für die Hausaufgaben etwas anderes überlegen müssen als nur das Zusammenfassen von einem Text oder das Schreiben von einem Aufsatz.


Das stellt das gesamte Bildungssystem vor eine große Herausforderung, bietet aber auch Chancen: Wie man gemeinsam mit einer Klasse ein Thema erarbeitet und das Interesse dafür so sehr weckt, dass Menschen sich von allein aus weiter mit der Thematik beschäftigen wollen, wird entscheidend sein für die Leistungsüberprüfungen der Zukunft.


Sollte man eigentlich nett sein, wenn man mit Künstlicher Intelligenz spricht?

Barbara Oberrauter-Zabransky: Das ist tatsächlich eine Frage, die mir in meinen Kursen immer wieder gestellt wird. Ob man KI-Systemen wie ChatGPT gegenüber freundlich und höflich sein sollte, muss jede und jeder für sich selbst entscheiden – aber auch wenn die KI selbst keine Gefühle hat, gibt es gute Gründe für einen respektvollen Umgang: Studien deuten darauf hin, dass freundliche Anfragen die Qualität der KI-Antworten verbessern können.


Natürlich muss die Höflichkeit nicht übertrieben werden, aber ein grundlegender respektvoller Umgangston kann sich positiv auf die KI-Kollaboration auswirken. Die KI bleibt zwar ein Werkzeug - doch auch im Umgang mit Werkzeugen empfiehlt sich Freundlichkeit.


Für wen lohnt sich der Einsatz von KI eigentlich?

Da würde ich gerne mit einer Gegenfrage antworten: Für wen lohnt sich der Einsatz des Internets? Künstliche Intelligenz wie ChatGPT ist genauso universell einsetzbar und nützlich wie das Internet selbst.


Die Möglichkeiten sind enorm vielfältig: Im Berufskontext ermöglicht KI große Zeitersparnis und Effizienzsteigerung. Aber auch privat gibt es zahlreiche Anwendungsfälle, die Kreativität und Produktivität fördern. Ob beim Verfassen von Texten, der Recherche, der Wissensvermittlung oder der Unterhaltung - KI hat für jeden etwas zu bieten. Die konkreten Use Cases finden sich am besten durch Ausprobieren.


Dabei wird schnell klar: KI ist nicht auf eine bestimmte Zielgruppe beschränkt. Jeder kann von diesem universellen Werkzeug profitieren und seinen individuellen Mehrwert daraus ziehen. KI demokratisiert Produktivität und Kreativität. Sie hat das Potenzial, unser aller Leben ein Stück einfacher und angenehmer zu machen - beruflich wie privat. Die einzige Voraussetzung ist, sich auf das Abenteuer einzulassen und die eigenen Anwendungsmöglichkeiten zu entdecken.

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